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Jobkrise: "Jeder dritte Arbeitnehmer auf der Welt ist arbeitslos oder lebt trotz Arbeit in Armut" - Rekordstand in Europa
(nf/red/24.01.12) Ein Ende der weltweiten Jobkrise ist nicht in Sicht. Wie aus dem jährlichen Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) hervorgeht, ist die Erwerbslosigkeit trotz eines vergleichsweise starken Wirtschaftswachstums in 2011 kaum zurückgegangen. Im Gegenteil: Allein in Europa sind laut ILO mehr Menschen ohne Job als je zuvor. Deutschland zähle dabei zu den wenigen Ländern mit einer positiven Entwicklung. Weltweit sind dem Bericht zufolge fast 200 Millionen Menschen ohne Arbeit, ähnlich viele wie im Vorjahr. Hinzu kommen etwa 900 Millionen erwerbstätige Menschen in Entwicklungsländern, deren Löhne so niedrig sind, dass sie trotz Arbeit in Armut leben müssen. Angesichts der Befunde fordern die ILO-Experten eine Wirtschaftspolitik, die an der Schaffung von Arbeitsplätzen ausgerichtet ist. Nötig sei unter anderem eine konsequente Regulierung der Finanzmärkte. Dies trage zu einer stabileren Unternehmensfinanzierung, einer gleichmäßigeren Einkommensverteilung und einer erhöhten Nachfrage bei.

Originaltext der ILO:

+++ Die weltweite Arbeitslosigkeit blieb 2011 im vierten Jahr in Folge auf einem hohen Niveau. Dies zeigen die Globalen Beschäftigungstrends, die die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) zum Auftakt des Weltwirtschaftsforums in Davos veröffentlicht. Mehr als 197 Millionen Menschen auf der Welt sind laut ILO arbeitslos, genauso viele wie im Vorjahr und fast 27 Millionen mehr als 2007, vor dem Ausbruch der Krise. Die Arbeitslosenquote stagniert damit bei 6,0 Prozent - trotz des vergleichsweise hohen Wirtschaftswachstums von 5,1 Prozent im Jahr 2010 und 4 Prozent 2011.

Hinzu kommen vor allem in den Entwicklungsländern rund 900 Millionen Menschen, die trotz Arbeit unter der Armutsschwelle von zwei Dollar pro Tag bleiben. "Jeder dritte Arbeitnehmer auf der Welt ist arbeitslos oder lebt trotz Arbeit in Armut - das sind rund 1,1 Milliarden Menschen", sagte ILO-Generaldirektor Juan Somavia. "Die Schaffung von Arbeit muss in der Wirtschaftspolitik daher oberste Priorität haben."

Weltweit müssten Berechnungen der ILO zufolge in den kommenden zehn Jahren 600 Millionen produktive Arbeitsplätze entstehen, um die vorhandene Arbeitslosigkeit abzubauen und die Neuzugänge zum Arbeitsmarkt aufzunehmen. Darüber hinaus müssten auch für die 900 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unterhalb der Armutsschwelle menschenwürdige Arbeitsplätze geschaffen werden.

Die zentralen Politikempfehlungen der ILO dafür lauten: eine strikte Regulierung der Finanzmärkte; eine bessere internationale Koordination der Krisenbekämpfung, wobei die Staaten mit fiskalpolitischen Spielräumen diese auch nutzen sollten; sowie eine Wirtschaftspolitik, die sich auf Maßnahmen mit hoher Beschäftigungswirkung konzentriert.

Erstmals legt der Bericht dar, dass eine konsequente Finanzmarktregulierung einen wichtigen Beitrag nicht nur zur wirtschaftlichen Stabilisierung, sondern auch direkt zum Beschäftigungswachstum leisten kann. Zum einen würde dadurch die Unternehmensfinanzierung stabiler. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen, in denen erfahrungsgemäß die meisten Arbeitsplätze entstehen, hätten wieder einen besseren Zugang zu Krediten. Zum andern könnte eine globale Regulierung zu einer gleichmäßigeren Einkommensverteilung beitragen, was sich positiv auf die Nachfrage auswirken würde.

Verstärkte Anstrengungen zur Schaffung von mehr Beschäftigung seien umso wichtiger, als sich die Aussichten für das laufende Jahr wieder verdüstert hätten, warnen die Autoren des Berichts. Es bestehe das Risiko, dass das globale Wirtschaftswachstum auf unter zwei Prozent fällt. In diesem Fall würde die Zahl der Arbeitslosen um 7 Millionen auf dann 204 Millionen ansteigen.

In Europa hat dem Bericht zufolge die Arbeitslosigkeit in der Krise mit rund 45 Millionen Betroffenen einen historischen Höchststand erreicht, und der Ausblick ist wegen der Schuldenkrise in den meisten Ländern negativ. Zu den wenigen Ausnahmen, in denen die Beschäftigung nicht unter dem Stand vor Ausbruch der Krise zurückgeblieben ist, gehört Deutschland.

Die ILO weist jedoch auch auf die schwache Entwicklung von Löhnen und Gehältern in Deutschland seit der Wiedervereinigung hin. Diese führte zu einer höheren Wettbewerbsfähigkeit deutscher Exporteure und zugleich zu einer schwachen Binnennachfrage. Die günstigeren deutschen Exporte setzten andere europäische Staaten unter Druck, während diese ihrerseits wegen der schwachen Nachfrage wenig nach Deutschland exportieren konnten. Die ILO-Experten empfehlen stattdessen eine stärkere Förderung der Produktivität.

(...) +++

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