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Ukraine-Krise: "In wirtschaftlicher Hinsicht wird Russland durch den Konflikt sicher Schaden nehmen"
Von Matthias Widder, NachrichtenFormat.de

(nf/maw/24.04.14) Von Entspannung keine Spur - die Krise in der Ukraine droht weiter zu eskalieren. Beobachter fürchten, dass der Konflikt eine neue Eiszeit zwischen Russland und dem Westen bringt, sollte er nicht rechtzeitig entschärft werden. Die Folgen für die internationale Zusammenarbeit auch auf ökonomischer Ebene dürften gravierend sein. Welche Belastungen für die deutsche Wirtschaft zeichnen sich bereits jetzt ab? NachrichtenFormat.de befragte dazu den Konjunktur- und Rohstoffexperten Klaus-Jürgen Gern vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW).

NachrichtenFormat.de: Herr Dr. Gern, trotz einiger Fortschritte auf diplomatischer Ebene – eine dauerhafte Lösung der Ukraine-Krise ist derzeit nicht in Sicht. Für den Fall, dass der Konflikt weiter anhält: Wird sich dies nach Ihrer Einschätzung spürbar auf die Konjunktur in Deutschland auswirken?

Klaus-Jürgen Gern: Die derzeitige Situation ist nicht hilfreich, denn sie erhöht die Unsicherheit, was die wirtschaftliche Aktivität immer bremst. Der direkte Einfluss auf das Wirtschaftsgeschehen in Deutschland ist aber zunächst begrenzt. Die ökonomischen Probleme der Ukraine fallen wegen der in wirtschaftlicher Hinsicht geringen Größe des Landes nicht ins Gewicht. Der Handel mit Russland ist zwar mit einem Anteil von etwas mehr als drei Prozent an den Exporten durchaus bedeutsam. Spürbare Wirkungen auf die deutsche Konjunktur sind aber wohl erst zu erwarten, wenn der Handel mit Russland systematisch massiv behindert wird oder wenn sich die Energiepreise stark erhöhen sollten.

Bislang sind die Wachstumsaussichten für das laufende Jahr ja recht günstig. Kann man derzeit also davon ausgehen, dass die Prognosen aufgrund der Ukraine-Krise nicht nach unten korrigiert werden müssen?

Vorerst besteht zu einer substanziellen Revision der Prognosen kein Anlass.

Stichwort Sanktionen gegen Russland: Sind solche Maßnahmen aus Ihrer Sicht ein geeignetes Druckmittel, um eine Deeskalation zu erzwingen oder schüren sie eher den Konflikt und wirken damit kontraproduktiv?

Nach meiner Einschätzung sind Sanktionen kurzfristig nicht geeignet, auf eine Änderung der Politik Russlands hinzuwirken. Wladimir Putin würde vermutlich kaum einlenken aus der Sorge heraus, dass ihm dies innenpolitisch als Schwäche ausgelegt werden könnte. Auf längere Sicht versprechen wirtschaftliche Sanktionen zwar eher Erfolg, aber auch hier sind die Erfahrungen zwiespältig.

Eine zentrale Rolle in dem Konflikt spielt Erdgas. Russland ist bedeutender Exporteur, die Ukraine wichtiges Transitland für russische Lieferungen nach Westen. Mit Blick auf diese Verflechtungen: Ist damit zu rechnen, dass die Energiepreise infolge der Krise signifikant ansteigen?

Bislang sind auf den Weltenergiemärkten noch keine Auswirkungen der Krise auf die Preise festzustellen. Dies könnte auch durchaus so bleiben, da weder Russland noch die westliche Staatengemeinschaft ein Interesse daran haben, das Angebot zu verknappen oder zusätzliche Unsicherheit zu schüren. Im Falle von Sanktionen oder eines Lieferboykotts würde sich dies allerdings wohl grundlegend ändern, da der Fortfall russischen Erdöls und Erdgases kurzfristig nicht durch andere Anbieter kompensiert werden könnte.

"Massive Konzentration auf wenige Lieferanten birgt Risiken"

Vielen Beobachtern bereitet die Abhängigkeit Deutschlands von Energielieferungen aus Russland zunehmend Sorge. Wäre Deutschland besser beraten, diese Abhängigkeit schrittweise zu reduzieren?

Die gegenwärtige Situation zeigt, dass die massive Konzentration der Versorgung auf wenige Lieferanten Risiken birgt. Diese sind allerdings nur mit zusätzlichen Kosten zu vermeiden, die beträchtlich sein können. So müsste eine entsprechende Infrastruktur aufgebaut werden und es müssten wohl auch höhere Einkaufspreise akzeptiert werden. Auch eine längerfristig denkbare Umstellung auf andere Energieträger führt zu höheren Kosten.  

Für die deutsche Wirtschaft scheint klar, dass die guten Beziehungen zu Russland keinesfalls aufs Spiel gesetzt werden sollten. Andererseits kann man angesichts der Tragweite des Konflikts nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Muss das Verhältnis zu Russland – auch in ökonomischer Hinsicht - neu justiert werden?

Diese Frage müsste im Wesentlichen von den Entscheidern in der deutschen Wirtschaft beantwortet werden, die ihr Engagement in Russland oder im Handel mit Russland auf den Prüfstand stellen werden. Wirtschaftspolitische Initiativen zur Förderung des bilateralen Austauschs werden aber zunächst sicher eingefroren werden.
 
Der Kreml scheint derzeit aus einer Position der Stärke heraus zu agieren und scheut die Konfrontation mit dem Westen keineswegs. Wie lautet Ihre Prognose: Wird Russland am Ende als Gewinner oder Verlierer aus dem Konflikt hervorgehen?

In wirtschaftlicher Hinsicht wird Russland durch den Konflikt sicher Schaden nehmen. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass Kapitalabflüsse und Aufschieben von Direktinvestitionen die russische Wirtschaft spürbar schwächen. Bei einem Anhalten des Konflikts dürften sich die Aussichten für eine Fortsetzung des wirtschaftlichen Aufholprozesses, der sich im vergangenen Jahrzehnt vollzogen hat, weiter verschlechtern. Auch besteht das Risiko, dass die russischen Exporteure von Rohstoffen, insbesondere Gas und Öl, mittelfristig an Marktanteilen verlieren, weil sich die Abnehmer um alternative Quellen bemühen.

Wir bedanken uns für das Interview!

Kurzprofil

Dr. Klaus-Jürgen Gern ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Prognosezentrum des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) und verantwortlich für die Analyse und Prognose der internationalen Konjunktur und Rohstoffmärkte.

Hinweis der Redaktion: Für den Inhalt der Interviewaussagen ist der angegebene Gesprächspartner verantwortlich. NachrichtenFormat gibt keine Gewähr für Aktualität, Vollständigkeit und Richtigkeit. Alle Aussagen stellen eine Meinungsäußerung dar und sind keine Anlageempfehlung.
 
 

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