gesellschaft

Brexit: Zug nach Nirgendwo?

Von Matthias Widder, NachrichtenFormat.de 


Nun also doch: Auf der Insel haben sich die Europagegner durchgesetzt, die Freunde der europäischen Familie erleiden eine schmachvolle Niederlage, deren Folgen noch kaum absehbar sind. Schon verdingen sich - reflexhaft und vorhersehbar - die üblichen Rechtspopulisten aller Länder als Trittbrettfahrer. Johlend springen sie auf den Triumphzug nach Nirgendwo auf und feiern ihre frischgebackenen Helden einer destruktiven, aber am Ende erfolgreichen Brexit-Kampagne. So bald wie möglich wollen sie es ihnen gleichtun, um - ausgehend vom britischen Votum - eine regelrechte Austrittslawine in ganz Europa loszutreten.


Die Gefahr des Zerfalls - maßgeblich befeuert von rechts - ist real und unmittelbar. Diese bittere Lehre muss die Europäische Union aus dem Ergebnis des britischen Referendums ziehen. Und sie sollte rasch überzeugende Antworten finden, dort wo Zweifel gewachsen sind. Wohin steuert Europa? Für welche Werte steht es ein? Was tut Europa, um allen Bewohnern des Kontinents eine gute Zukunft in freier Selbstentfaltung zu ermöglichen? Wie will Europa gute Nachbarschaft erhalten und den Frieden sichern?

Wohlfeile Worte werden nicht mehr ausreichen. Schon lange ist klar: Der Geist der Gemeinsamkeit steht auf dem Spiel, weil allzu häufig nationale Egoismen dominieren. Gefragt sind jetzt mutige und möglicherweise ganz neue europapolitische Ideen und Konzeptionen, die - und dies ist überlebenswichtig  - von allen mitgetragen und auch umgesetzt werden. Steigende Arbeitslosigkeit, ungleiche Lebensverhältnisse, wirtschaftspolitische Differenzen, geldpolitische Risiken, schier unüberbrückbare Gegensätze in der Flüchtlingspolitik: Es gibt unzählige Baustellen, die in den vergangenen Jahren sträflich vernachlässigt wurden. Fast scheint es, als hätten die Briten angesichts der Berge an ungelösten Problemen resigniert.

So oder so - ihr Austritt ist ein fundamentaler Rückschritt, der in einer immer enger vernetzten Welt weder Vorbild noch Blaupause sein kann. Diese Erkenntnis dürfte für Großbritannien noch äußerst schmerzhaft werden - nicht nur wegen der ökonomischen Verwerfungen in Folge des neuen britischen Isolationismus. Sollten sich in Schottland oder Nordirland die EU-Befürworter neu formieren und eine Abspaltung von London herbeiführen, wird das Vereinigte Königreich - so wie wir es heute kennen - endgültig Vergangenheit sein.

Fest steht: Die Briten haben das Gesicht Europas nachhaltig verändert. Die Gewichte sind verschoben. Die Karten werden neu gemischt. Ein "Weiter so!" kann keine Parole mehr sein - nicht für Großbritannien und nicht für die Europäische Union. Am Zug sind jetzt die Verantwortlichen in den Hauptstädten der EU - allen voran in Berlin und Paris. Wenn aus dem Brexit kein Flächenbrand erwächst, muss Europa an der Zäsur nicht zerbrechen.

Erstellt: 24.06.2016

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