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Prognose: Folgen des Brexit für Deutschland "nicht katastrophal, aber schmerzlich" - Forscher schrauben Erwartungen für 2017 deutlich zurück
(nf/red/29.06.16) Nach dem Sieg der Brexit-Befürworter im Vereinigten Königreich müssen Wachstumsprognosen neu überdacht werden. Für die Ökonomie Großbritanniens sehen Forscher überwiegend schwarz, der übrige EU-Raum dagegen dürfte hinsichtlich der Folgen eines britischen Austritts aus der Union zunächst einigermaßen glimpflich davon kommen. In Deutschland wird es einen spürbaren Dämpfer in Folge des Brexit nach Einschätzung des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) erst im kommenden Jahr geben. Für 2017 rechnen die Experten mit einem halben Prozentpunkt weniger Wachstum als bislang erwartet. Ausschlaggebend ist demnach die gewachsene Unsicherheit. Diese werde die Investitionsbereitschaft spürbar lähmen. Fazit des IMK: "Die kurzfristigen Auswirkungen des Brexit sind in Deutschland nicht katastrophal, aber doch schmerzlich genug."

Originaltext des IMK:

+++ Der Brexit kostet die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr nur wenig Wachstum. 2017 verschärfen sich die Auswirkungen dann aber deutlich – das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) nimmt um einen halben Prozentpunkt weniger zu als es ohne das britische Votum für einen EU-Austritt der Fall wäre. Dadurch erhält der moderate Aufschwung der deutschen Wirtschaft einen empfindlichen Dämpfer, der sich auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar macht. Während der private Konsum als derzeit zentrale Säule des Wachstums recht stabil bleibt, bricht die Investitionsdynamik abrupt wieder ab. Zu diesem Ergebnis kommt die neue Konjunkturprognose des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. Danach wächst das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2016 um 1,6 Prozent und 2017 um 1,3 Prozent.

Gegenüber seiner Vorhersage vom April erhöht das IMK die Wachstumsprognose für 2016 minimal um 0,1 Prozentpunkte und reduziert sie für 2017 um 0,2 Prozentpunkte. Ohne Brexit-Votum hätte das Institut die Vorhersage für 2016 aber um 0,2 und für das kommende Jahr um 0,3 Prozentpunkte erhöht. Auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt wirkt sich die Eintrübung in diesem Jahr geringfügig, 2017 dann aber spürbar aus: Trotz Zuwanderung sinkt die Zahl der Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt 2016 noch einmal leicht um 60.000 Personen. 2017 nimmt sie bei weiter steigender Beschäftigung wegen des wachsenden Arbeitsangebots und der wirtschaftlichen Abkühlung um rund 290.000 Personen zu und liegt dann im Jahresdurchschnitt wieder knapp über drei Millionen.

„Die kurzfristigen Auswirkungen des Brexit sind in Deutschland nicht katastrophal, aber doch schmerzlich genug“, sagt Prof. Dr. Gustav A. Horn, der wissenschaftliche Direktor des IMK. „Die deutlich gewachsene Unsicherheit trifft uns an einem ganz empfindlichen Punkt: Gerade sah es so aus als ob die Unternehmen ihre hartnäckige Zurückhaltung bei den Investitionen langsam aufgeben würden. Das dürfte sich jetzt erledigt haben.“ Für 2017 prognostizieren die Ökonomen, dass die Ausrüstungsinvestitionen nur noch um 0,8 Prozent zulegen, nach bereits mäßigen 4 Prozent in diesem Jahr. „Außerdem bleibt ein relevantes Risiko, dass sich die Turbulenzen an den Finanzmärkten nicht in nächster Zeit beruhigen, sondern sich bis 2018 fortsetzen. Dann könnte das deutsche Wachstum im kommenden Jahr sogar knapp unter ein Prozent rutschen“, erklärt Horn das „Risikoszenario“ in der Prognose. Das IMK plädiert in dieser Situation dafür, dass der Staat in Deutschland und anderen Euro-Ländern den Stau bei den öffentlichen Investitionen beschleunigt auflöst. Damit könne er auch den Unternehmensinvestitionen dringend benötigte Impulse verleihen.

Privater Konsum Wachstumsmotor, doch Dynamik nimmt ab

Das wäre laut IMK in der Bundesrepublik auch ohne Brexit schon durchaus sinnvoll gewesen: Die Forscher sehen den privaten Konsum zwar weiterhin als zentralen Träger der Aufwärtsentwicklung in Deutschland. Allerdings nehme dessen Dynamik 2017 ab, wenn durch einen Anstieg der Inflation auf 1,2 Prozent die Reallohnentwicklung gebremst wird. Gleichzeitig bleibe die Nachfrage aus dem Ausland nach deutschen Waren und Dienstleistungen verhalten – auch wenn sich im Zeichen wieder steigender Ölpreise die Lage in vielen großen Schwellenländern stabilisiere und die Konjunktur in den USA leicht an Fahrt gewinne. Kräftige wirtschaftliche Einbußen in Großbritannien, die als Folge des Brexit wahrscheinlich seien, beeinträchtigten die deutschen Exportperspektiven zusätzlich. Der Außenhandel dämpft nach der IMK-Prognose das Wirtschaftswachstum also unter dem Strich, obwohl die deutsche Exportwirtschaft preislich sehr wettbewerbsfähig und Rahmenbedingungen wie Eurokurs und Energiepreise günstig seien.

Dass die Importe weiterhin kräftig wachsen, hat aber auch eine gute Seite, betont das IMK. Die Wirtschaft in vielen anderen Euro-Ländern erhalte wichtige Impulse aus der Bundesrepublik und der hohe deutsche Leistungsbilanzüberschuss, der wesentlich zur Krise im Euroraum beigetragen hat und 2015 bei enormen 8,5 Prozent des BIPs lag, sinke in der Tendenz etwas. Die binnenwirtschaftlich fundierte deutsche Konjunktur sei „damit robuster und in dem Sinne nachhaltiger als sie nicht zu einer Verschärfung der bestehenden außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte beiträgt“, schreiben die Forscher. Das sei in einer Phase deutlich erhöhter Unsicherheit durch den Brexit besonders wichtig.

Eine vertiefte Nachfrageschwäche aus dem Ausland halte aber viele deutsche Unternehmen von eigentlich notwendigen zusätzlichen Investitionen ab, die Voraussetzung für einen selbsttragenden, dynamischen Aufschwung und eine produktivitätssteigernde Modernisierung des Maschinenparks seien, warnen die Forscher. Hier könne der Staat unterstützen, indem er ohnehin dringend notwendige Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Energieeffizienz forciere. „Die Bedingungen für höhere öffentliche Investitionen sind denkbar günstig“, unterstreicht das IMK. Schließlich müsse der deutsche Staat selbst für Kredite mit langen Laufzeiten derzeit praktisch keine Zinsen zahlen. Auch diese Tendenz könne sich durch den Brexit noch verstärken, weil viele Kapitalanleger deutsche Anleihen als „sicheren Hafen“ sähen.

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